Zwei Personen arbeiten gemeinsam an einem Laptop – im Hintergrund ein moderner, offener Büroraum mit Besprechungstisch und Grünpflanzen im RITZ Innovationszentrum Friedrichshafen

Warum der Arbeitsort doch nicht „egal“ ist

Seit 2020 kursiert eine Idee, die sich so intuitiv anfühlt, dass kaum jemand sie hinterfragt hat: Wissensarbeit ist ortsunabhängig. Laptop, Internetverbindung, Videokonferenz – mehr braucht es nicht.

Sechs Jahre später sieht die Realität komplizierter aus.

Was auf der Strecke bleibt

In der Innovationsforschung gibt es einen Begriff für etwas, das im Unternehmensalltag noch nicht ganz angekommen ist: Serendipity. Gemeint ist die unerwartete Entdeckung von etwas Wertvollem, nach dem man gar nicht gesucht hat. Zufallsentdeckungen wie das Penicillin, das Post-it oder auch Röntgenstrahlen.

All diese Entdeckungen entstanden nicht am Schreibtisch mit Kopfhörern und Fokusblock. Sie entstanden durch Begegnungen, zufällige Impulse, den richtigen Menschen zur richtigen Zeit.

Christian Busch, Forscher an der New York University und Autor von „The Serendipity Mindset“ (2020), zeigt: Unerwartete Entdeckungen entstehen vor allem in Umgebungen, die vielfältige Interaktionen fördern. Und vielfältige Interaktion entsteht leichter, wenn Menschen am selben Ort sind.

Das hybride Modell hat genau das verändert: die Zufallsbegegnung. Den Kollegen auf dem Weg zur Teeküche trifft man nicht mehr, wenn man ausschließlich remote arbeitet. Das Gespräch nach einem Meeting, aus dem ein gemeinsames Projekt wird, findet nicht statt, wenn alle schon auf „Meeting verlassen“ geklickt haben. Diese Momente lassen sich nicht per Einladungslink einplanen, sie passieren einfach.

Nicht jede Arbeit braucht Präsenz – aber manche Momente schon

Konzentrierte Einzelarbeit gelingt vielen im Homeoffice mindestens genauso gut wie im Büro – das bestätigt auch die PwC-Studie „Home & Office“, laut der 87 % der befragten Arbeitgebenden die Produktivität ihrer Mitarbeitenden im Homeoffice als gleichwertig oder sogar höher einschätzen. Homeoffice funktioniert also.

Aber kreative Kickoffs, frühe Projektphasen, der Aufbau neuer Beziehungen – das gelingt in Präsenz oft besser. Nicht weil der Mensch das Büro braucht, sondern weil er in bestimmten Momenten andere Menschen braucht. Im selben Raum, nicht auf einem Bildschirm.

Ein Beispiel aus der Praxis: Im RITZ Innovationszentrum lernten sich die Tri.Merge GmbH und die IWT Wirtschaft und Technik GmbH bei einer Community-Veranstaltung besser kennen – und aus dieser zufälligen Begegnung wurde eine handfeste Forschungskooperation zu automatisiertem Fahren. Was sie im Nachhinein als entscheidend beschreiben: Ihre Büros lagen direkt nebeneinander. Fragen wurden durch kurzes Anklopfen gelöst, bevor sie zu Problemen wurden. Die ganze Geschichte gibt es hier.

Die eigentliche Frage

… lautet nicht „Büro oder Homeoffice“, sondern: Für welche Art von Arbeit brauche ich welches Setting?

Ein Schreibtisch ermöglicht Arbeit. Ein Ort ermöglicht Begegnungen. Und Begegnungen können manchmal der Anfang von etwas Großem sein.