Vor einem verwischten Hintergrund: Ablenkung als Dauerzustand. Was das mit unserer Fähigkeit zu innovieren macht.

Ablenkung als Dauerzustand: Was das mit unserer Fähigkeit zu innovieren macht

Wann haben Sie zuletzt 90 Minuten an einer einzigen Sache gearbeitet, ohne aufs Telefon zu schauen oder eine Mail zu beantworten? Falls Sie kurz überlegen müssen: Das ist Teil des Problems.

Die meisten Menschen haben das Konzentrieren schlicht verlernt. Das trifft die Innovationsfähigkeit von Unternehmen direkt, denn neue Ideen brauchen genau die Konzentration, die im Arbeitsalltag verloren geht.

Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource

Der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Simon hat es bereits in den 1970er-Jahren beschrieben: Informationsüberfluss erzeugt Aufmerksamkeitsmangel. Denn wir müssen Aufmerksamkeit als endliche Ressource verstehen. Die Aufmerksamkeitsökonomie, also das Geschäftsmodell der meisten digitalen Plattformen, funktioniert so gut, weil sie diesen Wettbewerb zu ihren Gunsten entschieden hat.

Die Folgen zeigen sich im Arbeitsalltag konkret: Eine Studie der University of California hat gemessen, dass Wissensarbeiter nach einer Unterbrechung am Arbeitsplatz durchschnittlich über 23 Minuten brauchen, um wieder vollständig in eine Aufgabe einzutauchen. In einem Arbeitsalltag mit Teams-Benachrichtigungen, offenen Tabs und der unausgesprochenen Erwartung permanenter Erreichbarkeit passiert das Dutzende Male täglich.

Deep Work und die Innovationsfähigkeit von Unternehmen

Cal Newport hat in seinem 2016 erschienenen Buch einen Namen für das gegeben, was dabei verloren geht: Deep Work, also konzentriertes, ablenkungsfreies Arbeiten an kognitiv anspruchsvollen Aufgaben. Seine These: Die Fähigkeit zu tiefer Konzentration wird seltener und gleichzeitig wertvoller. Wer sie beherrscht, hat einen echten Wettbewerbsvorteil. Was das für den Einzelnen bedeutet, haben wir in unserem Artikel zur individuellen Konzentrationsfähigkeit im Detail behandelt.

Was das für Organisationen bedeutet, geht über individuelle Produktivität hinaus. Chronische Ablenkung und Unterbrechungsarbeit haben Folgen für etwas, das Unternehmen gerne für sich beanspruchen: Innovationsfähigkeit. Neue Ideen entstehen selten zwischen zwei Terminen. Sie brauchen Zeit, Raum und die Bereitschaft, einem Gedanken zu folgen, bis er irgendwo hinführt.

Das Problem mit der Dauererreichbarkeit

Viele Unternehmen haben die Werkzeuge zur Zusammenarbeit verbessert und dabei unbeabsichtigt die Bedingungen für konzentriertes Arbeiten verschlechtert. Kollaborationsplattformen, die Reaktionszeiten sichtbar machen, Kalender, die jede freie Stunde als Einladung verstehen, eine Kultur, in der schnelles Antworten als Engagement gilt: Diese Entwicklungen hatten gute Gründe. Ihre Nebenwirkungen werden aber selten offen diskutiert. Wie stark der Arbeitsort selbst zur Konzentrationsfähigkeit beiträgt, zeigt sich auch jenseits von Benachrichtigungen und Meeting-Kultur, wie wir in unserem Artikel zum Arbeitsort gezeigt haben.

Was Unternehmen jetzt ändern können

Es gibt Unternehmen, die damit experimentieren: feste Zeiten ohne Meetings, keine Benachrichtigungen am Vormittag, das Recht auf verzögertes Antworten als explizite Norm.

Wer dafür auch die räumlichen Bedingungen schaffen will, findet zum Beispiel in ruhigen Büroflächen einen konkreten Ansatzpunkt. Die eigentliche Frage ist schlicht: Passt die Art, wie wir Kommunikation und Erreichbarkeit organisieren, wirklich zu der Arbeit, die wir leisten wollen?